Was ist Musik noch Wert? [ger]

Ist der Wert von Musik an handfeste Tonträger gebunden?
Geht Musik in Zeiten des Download den Bach runter?
Ein Pro und Kontra von Standard-Musikkritiker Karl Fluch und Bernhard Hansbauer vom Netlabel laridae, erschienen im Silver Server Magazin. Den Original-Beitrag könnt ihr hier lesen.

Schwarzes Gold und Klingelton

Autor: Karl Fluch

Eine Anekdote: Der pubertierende Sohn eines Bekannten fragt den Vater: „Tust du auch manchmal downloaden?“ Der, ganz auf Höhe der Zeit, antwortet: „Na ja, wenn ich ein Lied suche, das . . .“ „Nein, nein“, wirft der Jüngling ein: „Du weißt schon, downloaden“ – und führt jene Handbewegung aus, die Bibelleser als die Sünde von Onan qualifizieren.

Während diese Form des Downloadens durchaus nachvollziehbar erscheint, verschließt sich mir das Absaugen von Musik aus dem Internet total. Brauch ich nicht. Kann ich nicht. Ich lehne es ab, ohne es zu kennen. So wie die Todesstrafe. Nicht weil es feig ist, der Industrie schadet oder ich Angst habe, dass nächtens Männer mit Sonnenbrillen an meiner Türe stehen könnten und ich die Demütigung über mich ergehen lassen müsste, meine Festplatte auf Spuren von Mariah Carey, Robbie Williams oder Justin Timberlake untersuchen zu lassen. Nein, macht nur. Ihr werdet nichts finden! Auf was derlei Besucher jedoch stoßen würden, wären Wände voll von legalem Presswerk. Schwarze Polymerverbindungen, in Kreisform geschnitten, zärtlich von Inner Sleeves umhüllt, die ihrerseits und von genormten Kartongrößen umschlossen werden. An der Außenseite nämlicher Kartons ist zudem etwas gedruckt, das man zu Recht einmal Artwork nannte. In übelster Buchhaltermanier sind diese Teile durchalphabetisiert aneinander gereiht und nehmen ein ganzes verdammtes Zimmer in Beschlag: Schallplatten, Baby! Gut, eine Wand ist auch von CDs befallen, aber denen schlägt nicht dieselbe Liebe entgegen, es herrscht eher eine milde Duldung. Aber Vinyl besitzt immer noch jene Wertigkeit, an die kein durchsichtiges MP 3-File und kein Judas-Silberling je herankommen wird. Mit der Markteinführung der CD in den 80ern wurde die Schallplatte totgesagt. Die DJ- und eine prosperierende Underground-Kultur machten dieser Prognose jedoch einen Strich durch die Rechnung. Sogar Majors veröffentlichen heute wieder Vinyleditionen von immergrünem Material und auch von Neuerscheinungen. Selbst die Fraktion der Audiophilen, also Klangfetischisten, die vor gar nicht allzu langer Zeit vor ihren mit Buntstiften behandelten CDs knieten – angeblich klangen die bemalt noch besser –, gestehen langsam ein, dass nichts an gutes, fettes Vinyl heranreicht. Warum? Schallplatten erzählen Geschichten. Man kann an einer Platte riechen, die älter ist als man selbst. Eine LP, die einen via Air Mail über einen Ozean erreicht hat, erzählt ihre eigene Geschichte, ist voller Geheimnisse. Wo und bei wem mag sie die vergangenen 35 Jahre verbracht haben? Und dann erst dieser ewig jungfräuliche Moment, in dem sich die Nadel senkt und in die Pressspur eintaucht. Jener Sekundenbruchteil, den ein zart elektrisches Knistern begleitet, bevor – sagen wir Otis Redding – anhebt und „I’m a love man“ singt. Yeah! Denn genau darum geht es nämlich – um die Liebe: Wer Musik liebt, der wird sie und ihr Medium auch entsprechend behandeln.

Und hier beginnt das Problem. Musik wird weniger als Kunstwerk wahrgenommen, sondern als Accessoire, das bestenfalls dekorativen Wert besitzt, den „Style“ der ihr lauschenden Person unterstreichen soll. Musik am Handy ist diesbezüglich der aktuelle Tiefpunkt. Denn was da aus dem Handy dröhnt, verdient es nicht mehr, Musik genannt zu werden. Es ist akustischer Sonder­müll. Dort gelandet ist die Musik wegen ihrer Verwerter, die an dieser ihrer Aufgabenstellung in den letzten zehn, zwölf Jahren kläglich gescheitert und zu wahren Entwertern geworden sind. Bis heute steht die Musikindustrie der Download- und File-Sharing-Kultur – ein großes Wort! – relativ planlos gegenüber.
So planlos, dass jene, die sich dieser Musikform und ihrer Distribution angenommen haben, selbst längst die neuen Verwerter geworden sind. Verwertung bedeutet Geld. Und wo das Geld ist, ist die Gier darauf nicht weit. Die traditionelle Musikindustrie wurde also von den großen Geldflüssen früherer Zeit harsch entwöhnt. Nachdem sie ihre Vinyl-Kataloge allesamt auf CD neu aufgelegt noch einmal und auf ungleich teureren Tonträgern verkauft hatte, wähnte sie sich im Schlaraffenland.
Und zwar derart schamlos, dass dies noch der dümmste Kunde mitbekommen hat. Als in den mittleren 90ern die Internet-Konkur­renz auftauchte, wurde diese zudem nicht als Warnung verstanden, an den eigenen Machenschaften etwas zu ändern, sondern als „Feind“ betrachtet – und dieser falschen Einschätzung entsprechend mit den falschen Aktionen bekämpft: Lächerliche Kopierschutzmaßnahmen brachten die Hobby-Hacker zum Lachen, und CDs mit Überlängen, die qualitativ aber nach zwei, drei Songs komplett einbrachen, verärgerten die Kundschaft und förderten die Bereitschaft und den Wunsch, sich aus all dem teuren Mist die wenigen guten Songs anderswo zu besorgen: richtig, aus dem Netz.
Nun hinkt die Industrie immer noch hinter den Marktentwicklungen her, und das so offensichtlich, dass sich selbst große Künstler fragen, ob sie diese zum Vertrieb ihrer Kunst überhaupt noch brauchen. Einige Große haben diese Frage für sich bereits mit „Nein!“ beantwortet und sich für andere Wege entschlossen. Radiohead machen es gleich selbst: Ihr jüngstes Album verkaufen sie vorerst nur über die bandeigene Homepage und: Jedem Käufer wird freigestellt, wie viel ihm das Werk wert ist.
Wie weit die Entwertung der Musik bereits fortgeschritten ist, illustriert die aktuelle Statistik der Band. Derzufolge bezahlten nur 38 Prozent einen ihnen angemessen erscheinenden Betrag, während 62 Prozent aller so genannten Fans für das Album gar nichts berappten. Die Kultur der Unkultur und ihre Folgen. Der Ausweg daraus? Musik muss wieder wichtiger werden! Das klingt so naiv, wie es wahr ist. Wer den Wert von Kunst zu schätzen lernt, wird dem Werk und seinen Schöpfern eher Respekt zollen, als wenn die potenzielle Kundschaft weiterhin für sehr wenig bis nichts (Klingeltöne!) zur Kasse gebeten wird.

Der Autor

Karl Fluch ist Kulturjournalist und Musikkritiker der Tageszeitung DER STANDARD, DJ und Vinylfetischist.

Nur so eine Phase

Autor: Bernhard Hansbauer

Kürzlich haben Bands wie Radiohead und die Einstürzenden Neubauten den Sprung ins kalte Wasser gewagt. Sie haben veranschaulicht, dass auch die Industrie ein neues Vertriebsmodell braucht – oder? Die erwähnten Bands  haben es leicht, mit neuen Vertriebswegen zu experimentieren – beide haben ihre Fangemeinde, die treu und verlässlich ist. Aus welchen Gründen auch immer sich diese und andere Bands zu solchen Versuchen hin­reißen ließen, sei dahingestellt – aber wenn dies Schule macht, könnten sich neue Pfade für die gesamte Musikbranche ergeben. Denn die Art und Weise, wie wir Musik konsumieren, wird sich entscheidend ändern, und mithilfe etablierter Künstler als Vorreiter fällt die Umgewöhnung sicher leichter.

DIE GUTEN UND DIE BÖSEN

Doch fällt es selbst renommierten Künstlern immer schwerer, ihren Output unter das Volk zu bringen – und gerne wird den bösen Major Labels die Schuld dafür gegeben. Trent Reznor hat neulich bei einem Konzert angesichts der hohen Preise für CDs in Australien dazu aufgerufen, sein letztes Album „Year Zero“ zu „stehlen“ – also illegal herunterzuladen und weiterzugeben.
Plattformen wie Netlabels oder last.fm haben im Moment noch das Problem, zu den Bekehrten zu predigen – die Plays auf last.fm spiegeln leider nur in den Top-Plätzen die (Verkaufs-) Realität wider. Offensichtlich bildet sich eine neue Generation von Musikkonsumenten, für die es selbstverständlich ist, Musik ausschließlich über Download zu beziehen – wobei es eigentlich egal ist, ob das legal oder über p2p-Netze vor sich geht.
Dass es eine mittlerweile fast schon unüberschaubare Menge an Netlabels gibt, ist eines der vielen Zeichen dafür, dass alles im Wandel ist – niemals zuvor hat es eine solche Vielfalt an (freier) Musik gegeben. Auch wenn momentan noch haupt­säch­lich elektronische Musik auf diese Weise vertrieben wird, die Anzahl der über Netlabels vertriebenen Genres wächst rasant. Doch ist die Motivation, ein Netlabel zu betreiben, so ziemlich das genaue Gegenteil jener Intentionen, die Major Labels bzw. die Musikindustrie im Allgemeinen verfolgen.
Im Prinzip wäre daher die Koexistenz von Industrie und freier Musik, wie sie momentan ja vorherrscht, für alle die beste Lösung – möglicher­weise könnten sich zwei gleichwertige Strukturen ja sogar gegenseitig dermaßen befruchten, dass die Schwächen der einen durch die Stärken der anderen „Seite“ ausgeglichen werden können. Was in den meisten Diskussionen über das Thema Musikindustrie leider gerne ausgeklammert wird, ist die Musik selbst. Gleichsam der leidigen Vinyl–CD-Auseinander-­­setzung wird das Medium zum Diskussionsmittelpunkt. Als führe das nicht vollkommen an der Musik vorbei. Die Krankheit heißt Popmusik. Die Diktatur des Pop hat die Musikgeschichte in einer Weise beeinflusst und infiziert, wie es jegliches zu­künftige Vertriebsmodell nicht könnte – die Hörer sind auf 3-Minuten-Songs konditioniert, jeder neue Chart-Hit erhöht die Déjà-vu-Rate merkbar.

DIE ALTERNATIVE

Und so stehen wir einfach nur vor einer weiteren Phase in der Musikgeschichte: Der Künstler rückt näher an den Hörer, wird vielleicht entmystifiziert und anonymisiert – aber vielleicht rückt dadurch der Fokus endlich auf die Musik an sich.
Die Möglichkeit, sein eigenes Netlabel zu gründen und damit im Idealfall der Musikgeschichte seinen eigenen Stempel aufzudrücken, ist ein neues Phänomen, das wir allein dem Internet und der Liebe zur Musik zu verdanken haben – in etwa vergleichbar mit dem Boom der Indie-Labels in den Achtzigern und Neunzigern. Das Bedürfnis, Musik abseits des Mainstream zu fördern, ist doch ein eindeutiges Zeichen dafür, dass in der Vergangenheit so einiges schiefgelaufen ist. Der Bevormundung durch die Industrie wird damit ein Modell entgegengestellt, das in Summe wahrscheinlich jetzt schon erfolgreicher ist. Abseits jeder Kritik muss den Major Labels und den Radiostationen natürlich auch eines zugesprochen werden – sie haben ihre Funktion, und auf bestimmte Weise erledigen sie diese mitunter auch recht gut: den Hörern neue Musik vorzustellen. Würde nun beispielsweise unser schnuckeliges Netlabel Laridae die neuen Beatles herausbringen – wie würde sich das auswirken? Würde sich das Phänomen Beatles wiederholen? Bands, die sich zuerst im Web einen Namen gemacht haben, gibt es noch nicht wirklich viele – das plakativste Beispiel sind nach wie vor die Arctic Monkeys. Möglicherweise war das ein Einzelphänomen, aber immerhin ist es möglich – aber man sieht, dass man im Netz allein womöglich nicht gerade reich werden kann. Ein Beispiel, das uns bei Laridae selbst immer wieder fasziniert, ist einer der beiden Labelgründer, Herwig Holzmann (Photophob) – bei last.fm wird er demnächst wohl die 60.000er Marke an Plays erreichen –, der CD-Verkauf seiner drei CDs jedoch steht in keinem Verhältnis zur offensichtlichen Beliebtheit seiner Musik.
Wird Musik also anders wahrgenommen, weil es einfach so viel davon gibt? Oder ist die Wertschätzung geringer, weil vieles frei verfügbar ist? Oder ist bald niemand mehr bereit, für Musik zu bezahlen? Die Musikindustrie prangert natürlich Musikpiraterie an – wobei das Argument, dass die Verkäufe aufgrund illegaler Downloads zurückgehen, nicht universell anwendbar ist – niemand würde sich jemals so viel Musik kaufen, wie (illegal) heruntergeladen wird.

WEG VOM NERD-KLISCHEE

Als Netlabel profitiert man natürlich davon, dass sich die User mittlerweile lieber Musik herunterladen, weil Gewöhnung eintritt, und Netlabels nicht mehr als „Musiker-für-Musiker“-Plattform, sondern als ernst zu nehmende Alternative zum konventionellen Musikvertrieb wahrgenommen wird. Und so haben wir die Chance, unsere Vorstellung von Musik den Hörern näherzubringen und damit auch die Filterfunktion zu übernehmen – fast so wie die Majors, allerdings auch mit Raum für Nischen, Sonderliches und Obskures.
Die Liebe und Leidenschaft für Musik wird sich hingegen niemals ändern – und egal welches Medium sich durchsetzt –, und in vernünftigem, angemessenem Rahmen wird auch immer dafür bezahlt werden.
Radiohead hätten also ruhig eine „normale“ CD veröffentlichen können – aber so haben sie sich möglicherweise dazu entschlossen, als Pioniere eines neuen Vertriebsmodells den Versuch zu wagen, neue Wege zu gehen.

Der Autor

Bernhard Hansbauer ist neben seinem Job als IT-Manager für Programmierung, Datenbank und technische Belange des Netlabels laridae.at verantwortlich. 2007 ging sein obskures eigenes Netlabel bleak.at online. Laridae.at wurde 2004 von Stefan Aigner (Firnwald) und Herwig Holzmann (Photophob) gegründet. Releases bei laridae erreichen fünfstellige Download-Zahlen (Beispiel: Iambic2’s „Under these stars, we’ll sleep again“ hält derzeit bei rund 12.000 Downloads)

Links
http://www.laridae.at
http://www.bleak.at

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